Werther ist eine Oper in vier Akten von Jules Massenet nach Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers. Sie wurde am 16. Februar 1892 in Wien uraufgeführt, in deutscher Sprache, und erreichte Paris im Jahr darauf. Erzählt wird die unmögliche Liebe des jungen Dichters Werther zu Charlotte, die Albert versprochen und dann mit ihm verheiratet ist, eine Liebe, die Werther in den Selbstmord führt. Hier erklingt eine der beliebtesten Tenorarien des französischen Repertoires, "Pourquoi me réveiller".
Erster Akt. In Wetzlar, um 1780, lässt der verwitwete Amtmann seine jüngeren Kinder Weihnachtslieder proben. Seine älteste Tochter Charlotte führt seit dem Tod der Mutter den Haushalt. Der junge Dichter Werther begleitet sie zu einem Ball und verliebt sich in sie. Noch am selben Abend kehrt Albert zurück: Charlotte ist ihm versprochen, durch einen Schwur an die sterbende Mutter. Werther begreift verzweifelt, dass sie Wort halten wird.
Zweiter Akt. Einige Monate später sind Charlotte und Albert verheiratet. Werther beobachtet sie und kann seine Liebe nicht ersticken. Charlotte bittet ihn, sich zu entfernen und vor Weihnachten nicht wiederzukommen. Werther geht, von Todesgedanken verfolgt.
Dritter Akt. Am Weihnachtsabend liest Charlotte allein Werthers Briefe wieder und gesteht sich ein, dass sie ihn liebt. Werther erscheint unangemeldet und weckt die gemeinsamen Erinnerungen; beim Lesen der Ossian-Verse singt er "Pourquoi me réveiller". Charlotte, nahe daran nachzugeben, flieht und schließt sich ein. Werther lässt Albert bitten, ihm für eine lange Reise seine Pistolen zu leihen. Albert befiehlt seiner Frau kalt, sie auszuhändigen. Charlotte ahnt das Schlimmste und eilt Werther nach.
Vierter Akt. In der Weihnachtsnacht findet Charlotte Werther tödlich verwundet in seinem Arbeitszimmer. In seinen letzten Augenblicken gesteht sie ihm endlich ihre Liebe. Werther stirbt getröstet, während draußen die Kinder das im ersten Akt geprobte Weihnachtslied singen.
Goethes Briefroman, 1774 erschienen, hatte Europa erschüttert und die romantische Vorstellungswelt ein Jahrhundert lang genährt. Massenet komponierte seine Adaption in den 1880er Jahren, auf ein Libretto von Édouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann. Die Opéra-Comique lehnte die Partitur zunächst als zu düster ab.
Die Uraufführung fand schließlich am 16. Februar 1892 an der Wiener Hofoper statt, in deutscher Fassung, mit großem Erfolg. Die französische Erstaufführung folgte bald, und die Opéra-Comique zeigte das Werk im Januar 1893 in Paris. Seither hat sich Werther neben Manon als meistgespieltes Werk Massenets durchgesetzt.
Massenet entfaltet hier seine melodische Gabe im Dienst einer intimen, dämmrigen Atmosphäre. Werthers Arie "Pourquoi me réveiller" auf die Ossian-Verse ist die berühmteste Nummer des Werkes und eine von lyrischen Tenören gefürchtete Passage. Der dritte Akt gehört Charlotte: Die Briefszene und die Arie "Va! laisse couler mes larmes" machen diese meist mit Mezzosopran besetzte Partie zu einer der reichsten des französischen Repertoires.
Das Orchester begleitet die Handlung mit Raffinement: das Mondlicht des ersten Aktes, das am Ende verwandelt wiederkehrt, oder das Zwischenspiel "La Nuit de Noël" vor dem letzten Bild. Der Kontrast zwischen den singenden Kindern und Werthers Sterben ergibt ein Finale von verhaltener Trauer, ohne Pathos.
Werther ist vielleicht die französische Oper, die die unmögliche Leidenschaft am genauesten erzählt, mit einer Sparsamkeit der Mittel, die heutigem Empfinden nahekommt: wenige Figuren, eine innere Handlung, ein Orchester, das ausspricht, was die Menschen verschweigen. Wer Massenets Kunst entdecken will, beginnt am besten hier.
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